Alles ist erlaubt – aber nicht alles nützt. Alles ist erlaubt – aber nicht alles baut auf. Denkt dabei nicht an euch selbst, sondern an die anderen. 
(1. Korinther 10, 23-24)

Februar 1, 2012 in Impuls

Foto: „Lesen und lernen“ © 2009 stormpic / aboutpixel.de

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Nein – als der Apostel Paulus diese Aussagen an die Gemeinde in Korinth schrieb, hatte er nicht die Verursacher der Bankenkrise oder Staatsdefizite vor Augen, Niemanden, von denen man gerne annimmt, dass sie dieses „alles ist erlaubt“ für sich in Anspruch zu nehmen. Er schrieb an Menschen, die im Geschenk des Evangeliums vom gekreuzigten und auferstandenen Christus Befreiung erlebt hatten. Freiheit von Regeln, Ordnungen, Gesetzen, Geboten, die „man“ einzuhalten und zu beachten hatte, wenn das Leben gelingen sollte – im Alltag, aber auch in Bezug auf den Himmel, auf Gott. Was angeblich zu tun sei, um vor dem Schöpfer des Menschen gerecht zu sein und in seinem Gericht zu bestehen. Das Evangelium aber sagt: Dieses alles musst Du, Mensch, nicht leisten. Dieses schenkt Dir Gott in Christus – und er schenkt es Dir umsonst! Fallen dann aber nicht tatsächlich alle Ordnungen und Gebote weg, ist dann nicht „alles erlaubt“?

Für Paulus ist dies zu kurz gedacht. Mit dem Geschenk der Gerechtigkeit, mit dem Herstellen der guten Beziehung zwischen Gott und dem Menschen ist etwas ganz Grundsätzliches geschehen. Der Mensch ist wieder zu dem wahren Menschen geworden, zu dem er geschaffen wurde – als Gegenüber Gottes und als Bewahrer der Schöpfung. Dies ist die Hoheit des Menschen, die ihm die Heilige Schrift von Anbeginn zuschreibt: dass ihm als Gegenüber Gottes Verantwortung für die Schöpfung Gottes und damit für seinen Nächsten gegeben ist. Das Evangelium sagt: Gott hat die Beziehung zu dir bedingungslos hergestellt und deshalb bist Du, Mensch, wieder ganz Mensch. Befreit zur Hoheit des Menschen – und damit zur Hoheit der Verantwortung gegenüber der Schöpfung und dem Nächsten.

In der Nachfolge des Gottes, der in Jesus von Nazareth Mensch wurde, zeigt sich diese Hoheit dort, wo alles getan wird, damit auch der Nächste und die Schöpfung die Fülle des Lebens Gottes erfahren. Menschen, die ihr Leben ganz in Gott geborgen und von ihm getragen wissen, die dieses in der eigenen Frömmigkeit erfahren und spüren, solche Menschen sind wirklich frei, sich ganz dieser Verantwortung zu stellen. Solche Männer und Frauen sind neu geschaffene Menschen, die anderen helfen, aus den Zwängen frei zu werden, die Staat, Gesellschaft, Religion oder Frömmigkeit formulieren. Das Evangelium befreit dazu, als Gegenüber Gottes ganz Mensch zu sein, um dann Gegenüber zur Schöpfung und zu meinem / meiner Nächsten zu werden. Als solch Liebender kann ich dann in meinen Möglichkeiten Verantwortung übernehmen. Verantwortung dafür, soziale, religiöse, politische und wirtschaftliche Macht nicht zur Unterdrückung und Ausbeutung, sondern zur Auferbauung zu nutzen und damit in die Weite des Lebens Gottes zu führen.

 

André Heinze

 

Prof. Dr. André Heinze ist Prorektor und Professor für Neues Testament am Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule).

Quelle: Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule) mit freundlicher Genehmigung